August 2020  — Das Medienprojekt „August2020“ (august2020.info/de) sammelt und veroffentlicht Zeugenaussagen uber Folterungen, Verletzungen und Misshandlungen wahrend der friedlichen Proteste, die nach den Wahlen in Belarus im Jahr 2020 stattfanden.

Folter und Gewalt im Jahr 2020 – die Geschichte von Maxim M.

19 Jahre alt, Student. „Ich hatte keine Angst, ich beschloss: Was passiert, passiert eben. Aber es kam alles natürlich als ein Schock.“

Die Geschichte seiner Verhaftung im Detail erzählt Maxim zum ersten Mal und gibt zu, dass er sich nicht an alles erinnert. Er weiß beispielsweise nicht mehr, was er zum Essen bekommen hat und wie viele Tage er genau in Schodsina verbracht hat. Noch fügt er hinzu, dass er im August ganz bewusst nicht zu den ersten Wahlen in seinem Leben gegangen ist – er war überzeugt, dass seine Stimme nichts verändern würde. Doch nach dem, was er in Akreszina und Schodsina gesehen hat, wurde ihm klar – die nächsten Wahlen versäumt er nicht. In 2020 entwickelte sich in seinem jugendlichen Gemüt eine politische Haltung.

„Aus Spaß sage ich den Jungs, lasst uns die Polizeitransporter angucken gehen. Und zack, zack, zack — da kommt wirklich ein Polizeitransporter und alle rennen weg.“

„Ich stehe wie im Spiel GTA an der Wand und sie schlagen mir auf die Beine“

— Ich kam kurz vor den Wahlen nach Minsk aus Mahiljou, um einen Freund zu besuchen, und wollte ein paar Sachen kaufen. Am 9. August fuhren wir zu dritt mit den Jungs ins Einkaufszentrum gegenüber vom Sportpalast; gegen 21 Uhr versammelten sich dort Leute und beschwerten sich: „Er hat sich so viele Stimmen illegal zugeschrieben!“ Aus Spaß sage ich den Jungs, kommt, lasst uns den Polizeitransporter angucken gehen. Und irgendwann wanderten alle auf die Fahrbahn raus…Zack, zack, zack — und da kommt wirklich ein Polizeitransporter und alle rennen weg. Als ich die erste Schockgranate hörte, schlug mir das Herz fast bis zum Hals. Ich denke so: sch**ße, Krieg. Adrenalin schlägt an, ich renne los und rufe unterwegs einen Freund an, damit er meinen Eltern Bescheid sagt, falls ich mich morgen nicht melde.

Gegen 2 oder 3 Uhr morgens hatten wir dann vom Rennen die Nase voll und gingen in einen Nachtclub am Mascherow-Prospekt. Wir kommen raus, und 15 Meter weiter links ist eine Menschenkette aus OMON-Leuten. Als wir rannten, hatten wir Angst. Aber zu dem Zeitpunkt dachte ich nicht mal, dass man uns hinterherrennen würde. Wir drehten ein paar Runden in der Gegend von Belaja Wescha und setzten uns dann in einem Innenhof mit Rundbögen hin, um eine zu rauchen. Und da laufen die OMON-Leute rein, machen die Lampen an: „An die Arbeit, an die Arbeit! Hände! Hinlegen! A-a-a! An die Arbeit!“

Ich stehe wie im Spiel GTA an der Wand und sie schlagen mir auf die Beine, dann packen sie mich an den Armen und führen mich zum Polizeitransporter, wo ein OMON-Polizist steht. „Na, ihr F**zen!“ — ich kriege einen Fußtritt in die Brust. Hinten im Transporter hockten wir praktisch aufeinander, man konnte nicht atmen, wir waren voll durchgeschwitzt. Wir fahren. Aber wohin? Man konnte nur hören, dass die Polizeitransporter mit Steinen beworfen wurden. Ich hatte keine Angst, ich beschloss: Was passiert, passiert eben. Aber es kam alles natürlich als ein Schock.

Vor einer Wand zwang man uns auf die Knie. Als wir aufgefordert wurden, uns zu bewegen, sah ich Blut, etwas Geld auf dem Boden. Was ist zur Hölle los?!

Im Korridor Richtung Akreszina war es chaotisch und laut: „Runter! Noch weiter runter!“ Vor einer Wand zwang man uns auf die Knie. Als wir aufgefordert wurden, uns zu bewegen, sah ich Blut, etwas Geld auf dem Boden. Was ist zur Hölle los?! Und die Geschichte mit den Schnürsenkeln und Kordeln war wie im Theater. Ich kriege einen Schlag in den Rücken und dann kommt diese Stimme in meinem Ohr: „Schnürsenkel ausziehen!“ Aus dem Hoodie kriege ich die Kordel nicht raus. Ein OMON-Polizist kommt auf mich zu und fragt ganz respektvoll: „Na, klappt es etwa nicht?“ Ich weiß nicht, inwiefern man die Situation als respektvoll bezeichnen kann, aber er hat mich nicht angeschrien. Für mich war das schon respektvoll. Letztendlich hat man die Kordel mit einer Schere abgeschnitten.

„Wenn ihr euch anstellt, gibt’s das nächste Mal einen Eimer voller Sch**ße“

— Nach der Durchsuchung wurden wir nach und nach rausgeführt. Und wieder: „Den Korridor runter! Geradeaus! Geradeaus! Geradeaus! Runter! Noch weiter runter, du F**ze!“ Dann krachte ich mit einem OMON-Polizisten mitten im Korridor zusammen. „Hast du ein verf***tes Problem!?“ – und der Schlag kam in den Magen. Heute kann ich darüber lachen, aber damals war es echt nicht zum Lachen. Die Jungs und ich sind in der allerletzten Gefängniszelle im Korridor gelandet. Während meiner letzten Nacht waren dort 32 Leute.

Er bat darum, dass man ihn nicht schlägt: „Jungs! Ich war doch in der Armee!“ „Nur Hunde sind in der Armee!“ war die Antwort und dann wurde er so zusammengeschlagen…

Als die Insassen vom 10. zum 11. August markiert wurden, schrien die Leute wie Schweine. Aus dem Augenwinkel sahen wir, wie lange sie vor der Wand standen, und hörten die Leute, die vor den Mauern des Zentrums für vorläufig Festgenommene waren. Uns hat man nicht angefasst, aber gegenüber war eine Gefängniszelle mit Frauen. Einer schwangeren Insassin wurde schlecht und die anderen Insassinen riefen nach einem Arzt. Sie wurden mehrfach gewarnt, und letztentlich schüttete ein OMON-Polizist einen Eimer voller Wasser mit Chlor über sie. „Wenn ihr euch anstellt, gibt’s das nächste Mal einen Eimer voller Sch**ße.“ Einen anderen Typen haben sie rausgeholt, weil er, glaube ich, nach Essen gefragt hat. Er bat darum, dass man ihn nicht schlägt: „Jungs! Ich war doch in der Armee!“ „Nur Hunde sind in der Armee!“ war die Antwort und dann wurde er so zusammengeschlagen…

Es war so eine Freude, als man am dritten Tag begann, Leute in den Korridor rauszuholen. In der Zelle gab es nur frische Luft, wenn man neue Insassen reingebracht hat. Also war das echt geil. Vor lauter Sauerstoff wurde mir schwindelig. Am gleichen Abend wurde mir schlecht. Ich fühlte mich so, als ob ich 39 Grad Fieber hatte. Ich legte mich auf die Nachttische neben dem Fenster und schlief zum ersten Mal ein. In der Nacht bekam ich Schüttelfrost, und dann öffnete man für uns die Tür der Zelle. „Atmet mal durch, Jungs.“ Und mir war so schlecht! Am Morgen wurde es zum Glück besser — man begann, uns vor das Gericht zu führen.

„Was passiert da, bitte erklären Sie“, frage ich eine Polizistin mittleren Alters im Hof der Anstalt, vor dem Gericht. Sie riet mir, mich als schuldig zu bekennen, weil dann kriegt man ja nur eine Geldstrafe. Ich weiß nicht, ob sie mich anlügte oder nicht. Aber alle, die das bestritten haben, bekamen Freiheitsstrafen. Ich hatte das Gefühl, dass sie mir noch etwas erzählen konnte. Und sie meinte dann tatsächlich, dass ich eine gute Richterin hatte. Und ich wollte schon ihrem Ratschlag folgen, aber der Verhaftung um 21 Uhr stimmte ich nicht zu. Es war ja alles gar nicht so!

15 Tage Freiheitsstrafe. Ich sage „Danke“ und gehe raus. Abends in der Untersuchungshaftanstalt gab es dann Brei mit einem Würstchen. Geil! Ich konnte sogar etwas schlafen — ein Typ überließ mir seinen Platz im Bett. Vor der Abreise nach Schodsina sah ich Dimon, einen meiner Freunde. Unser dritter Freund blieb im Zentrum für vorläufig Festgenommene, später wurde er nach Sluzk gebracht. Vor dem Polizeitransporter stand ein OMON-Polizist, der jeden anmachte und auf jeden mit seinem Gummiknüppel losging. Ich bekam einen A**schtritt.

Die Fahrt verging weitgehend ohne Gewalt, die OMON-Leute haben sogar mit uns geredet. Einer klopfte mir auf die Schulter, fragte, wie alt ich bin. Ich meinte so, 18. „Voll jung. In deinem Alter würde ich ungerne hier landen.“ Und als man uns nach Schodsina brachte, sagte er noch: „Jungs, passt auf den Kleinen auf.“

Ich hatte noch in der Untersuchungshaftanstalt auf einem Stück Toilettenpapier mit Bleistift die Telefonnummer meines Papas aufgeschrieben und dachte, vielleicht kann sie an jemanden weiterreichen. Als ich aus dem Polizeitransporter stieg, legte ich das Stück Papier auf eine Sitzbank. Ich weiß, was danach passiert ist. Papa erzählte, dass er damals schon mehrere Anrufe bekam.

Mit uns saßen normale „belarusische Drogensuchties und Alkoholiker“: IT-Leute, Unternehmer

Als Dimon und ich in die Zelle reinkamen, begrüßte man uns direkt mit: „Jungs, nehmt euch Brot!“ Schon wieder richtig geil! Ich machte mein Bett auf dem Boden, schlief ein bisschen. Was passierte und was kommen würde, war unklar. In der Zelle haben wir dann Muskelübungen gemacht und Schachfiguren aus Brot gebastelt. Mit uns saßen normale „belarusische Drogensuchties und Alkoholiker“: IT-Leute, Unternehmer.

„Bruder, der Hoodie hat mir das Leben gerettet!“

Als man uns am zweiten Tag aus der Zelle führte, bin ich ohne Dimon zurückgekehrt. Ich wollte schlafen, aber da öffnet sich die Tür: „Maximow, zum Ausgang!“ Heilige Sch**ße! Ich stelle mich neben der Wand hin, drehe den Kopf, und da kommt ein Typ in meinem Hoodie, den ich im Zentrum für vorläufig Festgenommene gelassen hab. „Das ist mein Hoodie!“ „Ich weiß, Bruder, er hat mir das Leben gerettet!“

Zusammen gingen wir raus, dort waren so viele Leute um uns herum — ein Schock! Haben direkt Rationen, Schnürsenkel bekommen… und da steht mein Papa! Zuerst war in auf der Liste in Mahiljou, Papa wartete die ganze Nacht vor der Untersuchungshaftanstalt, dann fuhr er nach Minsk und Schodsina. Er hat übrigens Lukaschenko gewählt. Aber nach dem, was passiert ist, hat sich seine Meinung geändert, glaube ich.

– Ende Oktober bekam ich Anrufe aus der Polizeidirektion des Bezirkes, wurde vorgeladen. Bis zum Schluss bin ich nicht hingegangen, habe gesagt, dass ich krank war, habe bei einem Freund übernachtet. Ein Bekannter, der Belarus verlassen hatte, gab mir Kontaktinfos des Fonds „Dapamoha“. Dort sagte man mir, dass ich ausreise muss – die Sicherheitsbehören würden mich nicht in Ruhe lassen. Meinen Eltern log ich vor, dass ich zu einem Freund nach Minsk fahren würde, nahm nur einen Rucksack mit. Bis zur Grenze bin ich bei LKW-Fahrern mitgefahren. Ich hatte Angst, dass ich ohne Visum nicht durchkomme und auf der anderen Seite nicht reingelassen werde, aber aus dem Fonds gab es Hilfe. Erst an der litauischen Grenze rief ich meine Mama an. Sie glaubte mir nicht, aber hat sich mittlerweile wohl damit abgefunden. Sie meint, lieber so, als im Gefängnis.

Maxim arbeitet jetzt in der Herstellung von medizinischen Masken und mietet eine Wohnung mit anderen Belarusen, die genau wie er das Land in aller Eile verlassen mussten. Er möchte seinen Bildungsweg fortsetzen, hat aber keinen Nachweis über einen Sekundarschulabschluss. Wie er erklärt, hat er wegen seines Studiums an der Berufsschule nur ein Abschlusszeugnis der 9. Klasse sowie eine Bescheinigung über den Abschluss der 11. Klasse, die „nirgendwo reicht“. Wenn Sie Maxim unterstützen wollen, können sie hier eine Uhr mit dem Wappen von Belarus bestellen, die er selbst anfertigt.

P.S. Hat keinen Antrag beim Ermittlungskomitee eingereicht

Autor: August2020 Projektteam

Foto: August2020 Projektteam

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"