2022-08-09

Vor genau zwei Jahren kam es in Belarus zu Protesten gegen die gefälschten Wahlen in einem noch nie gekannten Ausmaß. Zehntausende gingen auf die Straße, Unternehmen streikten und Oppositionspolitiker riefen die Zivilgesellschaft auf, sich zu widersetzen. Die Proteste und Demonstrationen ebbten monatelang nicht ab, jedoch konnten die Befürworter des Wandels in einer gewaltsamen Konfrontation nicht gewinnen. Über 40.000 Personen wurden verhaftet, noch viel mehr Aktivist*innen flüchteten aus dem Land. Die gewaltsame Unterdrückung dauert bis heute an.

Der Krieg in der Ukraine hat die politische Krise in der belarusischen Gesellschaft überschattet. Das ohnehin erschöpfte belarusische Volk wurde von der ukrainischen Gesellschaft scharf verurteilt sowie der Schwäche und Untätigkeit bezichtigt. Trotz der Beteiligung des Lukaschenko-Regimes am Krieg wollen die Belarus*innen keinen Krieg mit der Brudernation führen, kämpfen weiter mit aller Kraft gegen die Diktatur und bemühen sich weiterhin, sich weltweit eine Stimme zu verschaffen und die Unterstützung der internationalen Gesellschaft zu gewinnen. Wir haben uns an Expert*innen und Aktivist*innen gewandt, um ihre Ansichten über die Bedeutung von Belarus im globalen Kontext zu erfahren.

Wir, Belarusen, sind ein europäisches Volk, und wir haben sehr viel für die Demokratisierung unseres Landes getan. Leider haben wir das Pech, einen aggressiven und autoritären Nachbarn zu haben. Die Geschichte ist voller Beispiele von Ländern, die in einer ähnlichen Situation den Weg der Demokratie eingeschlagen hatten, wobei anschließend globale Veränderungen in ganzen Regionen geschahen. Im Februar 2022 haben wir beobachtet, wie eine scheinbar unbedeutende politische Krise in unserem Land das Weltgeschehen beeinflussen konnte. Wenn die Reaktion des Westens auf die Menschenrechtsverletzungen in Belarus in den Jahren 2020-2021 pragmatischer ausgefallen wäre, wäre Belarus vermutlich nicht zu einer Plattform für einen russischen Angriff auf die Ukraine geworden. Was schließen wir daraus? Zum einen muss Belarus ständig im Blickfeld anderer Länder bleiben. Zum anderen bedeutet es, dass wir auch eine Chance für einen demokratischen Wandel haben. Allerdings gibt es keine Garantie dafür, dass dies in absehbarer Zeit passiert. Jedenfalls werden wir auf das Beste hoffen, die Gefangenen des Regimes unterstützen und uns gegenseitig beistehen.

TATSIANA KHOMICH, MENSCHENRECHTLERIN, REPRÄSENTANTIN DES KOORDINIERUNGSRATES FÜR POLITISCHE GEFANGENE

Im August 2020 lernte die Welt ein Belarus kennen, welches sich erhoben hatte, um für die Freiheit zu kämpfen und die Tyrannei herauszufordern. Im August 2022 hatte die Welt dieses Belarus allmählich vergessen.  Wenn man sich heute an Belarus erinnert, dann in erster Linie an das Lukaschenko-Regime – einen Mitaggressor, der Russland hilft, Krieg gegen die Ukraine zu führen. Und in dieser Situation sollte an das andere, das freie Belarus, ständig erinnert werden.

ALEXANDER FRIEDMAN, HISTORIKER UND POLITIKWISSENSCHAFTLER

Erst einmal ist die geografische Lage von Belarus für Europa sehr günstig: Wenn Belarus einer gemeinsamen Grenzunion mit Europa beitritt, werden alle davon profitieren. Zweitens waren die Belarus*innen schon immer tolerant gegenüber verschiedenen Religionen: Orthodoxe, Katholiken und Muslime konnten friedlich nebeneinander leben. Drittens gibt es in Belarus viele kreative und talentierte junge Menschen, die mangels Entwicklungsmöglichkeiten im eigenen Land ins Ausland gegangen sind, wo sie aktiv neue Projekte entwickeln und sich an Innovationen beteiligen. Wird die Möglichkeit geboten, in unserem Land zu arbeiten, werden viele nützliche und neue Projekte entstehen, nicht nur für unsere Gesellschaft, sondern für die ganze Welt.

ALIAKSANDRA HERASIMENIA, SPORTLERIN, OLYMPIASIEGERIN

Für mich gibt es hier zwei Dimensionen: eine interne und eine externe. Die interne bedeutet einen Weg aus der tiefen Hoffnungslosigkeit, in der wir so lange gelebt haben, dass wir vergessen haben, wie es anders sein kann. Es ist ein Zusammenbruch der meisten öffentlichen Initiativen aus den Zeiten der Scheinstabilität – was einen Raum für neue Ideen und neue Menschen freigemacht hat. Es ist ein Neustart vom belarusischen Projekt – und es ist in Ordnung, dass es voll von Dilettanten ist, und dass gut die Hälfte dessen, was gemacht wurde, keiner Kritik standhält. Die neue Nation wird von allen gemeinsam aufgebaut, mit der ganzen Vielfalt der Intentionen und Kompetenzen. Wenn wir scheitern, scheitern wir gemeinsam. Wenn wir gewinnen, gewinnen wir gemeinsam. Und für Außenstehende ist es eine tragisch schöne Geschichte über das Erwachen der trägen Wählerschaft, die es satt hatte, nach der Pfeife eines schnurrbärtigen Clowns zu tanzen. Eine Bewegung ohne Kapitäne und Führungskräfte. Eine kollektive Improvisation, bei der ein Straßenkarneval in den Fleischwolf des Terrors getrieben wird. Ein Marsch von Einzelgängern auf der Suche nach einem neuen Himmel.

MAX ZHBANKOU, KULTURWISSENSCHAFTLER, KINOANALYTIKER, JOURNALIST

Warum ist es wichtig, das Streben der Belarus*innen nach Demokratie zu unterstützen? In der heutigen globalisierten Welt hängt die Zukunft der Demokratie von der Solidarität der Bürger*innen sowohl innerhalb von demokratischen Ländern, als auch über deren Grenzen hinaus ab. Die Situation in der Ukraine ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sehr der Sieg dieses Landes von der Unterstützung seitens anderer demokratischer Gesellschaften und Länder abhängt. So ist es auch im Fall von Belarus: Die Belarus*innen verkündeten im Jahr 2020, dass sie nicht mehr unter einem autoritären Regime leben möchten, dass sie sich für eine demokratische Zukunft von Belarus entscheiden, für die sie bereit sind, ihr Wohlbefinden, ihre Gesundheit und sogar ihr Leben zu riskieren. Ich bin überzeugt, dass das Potenzial der internationalen Solidarität nicht ausgeschöpft ist, so wie ich auch an meine belarusische Gesellschaft glaube, die sich weiterhin gegen das autoritäre Regime in Belarus wehrt.

OLGA SHPARAGA, PHILOSOPHIN, FEM-GRUPPE DES KOORDINIERUNGSRATES

Es ist unmöglich, über Belarus im Sinne von Nicht-(Wichtigkeit) zu sprechen. Es ist kein Gegenstand, keine Dienstleistung; es ist für mich eine Konstante, ein integraler Bestandteil. Es existiert einfach, und mein ganzes Wesen ist davon durchdrungen, auch wenn ich geografisch gesehen in diesem Moment nicht dort bin. Belarus ist in meinem Herzen.

siarhei budkin, Artmanager, Leiter des Belarusian Council for Culture

Wir haben Belarus lange übersehen, nicht richtig gesehen, mit unseren verklärten Augen statt mit offenen und neugierigen. Vor zwei Jahren wurde unser Blick klarer. Die Belarusen standen auf. Jetzt stehen sie immer noch und wieder auf, anders, stiller – wir könnten sie schon wieder übersehen. So viele Freunde schreiben mir mit den Panzern vor ihren Augen und den Flugzeugen über ihren Köpfen immer wieder: „Wir wollen diesen Krieg nicht.“ Wäre Belarus nicht mehr die Diktatur, die es immer noch ist, wäre der Krieg in dieser Form nicht möglich. Belarus ist wichtig, wegen des Friedens in der Welt, wegen der Zukunft der Erde, wegen der Menschen überall.

HEIKE SABEL, VEREIN „GEMEINSAM IN DIE ZUKUNFT“, JOURNALISTIN UND AUTORIN